„Eine fast ausgestorbene Stadt“

Oderland.news sprach mit Sören Bollmann vom Frankfurt-Slubicer Kooperationszentrum.

„Eine fast ausgestorbene Stadt“

Georg Langer: Grenzen sind abgeriegelt. Die deutsch-polnische Doppelstadt existiert momentan nicht. Welche Art von Kooperation zwischen Slubice und Frankfurt findet überhaupt noch statt?

Sören Bollmann: Wir versuchen auch unter diesen Bedingungen, dass die doch noch existiert. Dass der Gesprächsfaden zwischen beiden Städten nicht abreißt. Wir sind jeden Tag mit unseren Slubicer Kollegen der Stadtverwaltung im Gespräch, und versuchen die Sachen, die wir trotzdem noch realisieren können, zu realisieren. Was auch wichtig ist: Dass die beiden Bürgermeister weiterhin in Kontakt sind. Einmal in der Woche gibt es eine Videokonferenz, wo sie versuchen, möglichst viel Information von der anderen Seite zu bekommen, zu verstehen, was auf der anderen Seite abläuft. Was auch noch eine sehr wichtige gemeinsame Initiative ist: Dass wir die Hotline der Frankfurter Stadtverwaltung mit unseren Mitarbeitern des Kooperationszentrums unterstützen, die auch Fragen auf Polnisch beantworten können. Mit Stand jetzt sind wir bei fast 400 telefonischen und E-Mail-Anfragen in den letzten zehn Tagen.

Wie funktioniert die Videokonferenz, wegen der Sprachbarriere? Ist da ein Dolmetscher zugeschaltet?

Auf beiden Seiten gibt es jemanden, der dolmetscht. Auf der Frankfurter Seite bin ich das, und auf der Slubicer Seite ist es eine Kollegin der Stadtverwaltung. Wir dolmetschen dann quasi simultan, flüsternd.

Sie haben ja weiterhin Kontakt mit Slubicern, über Internet und Telefon. Wie erleben die Leute in Slubice den Ausnahmezustand?

Als sehr, sehr große Belastung. Slubice lebt in einem sehr starken Maße von deutschen Besuchern, von deutschen Kunden auf dem Markt, in den Geschäften. Auf Frankfurter Seite natürlich auch, aber in einem geringeren Maße als die Slubicer Seite. Das ist eine fast ausgestorbene Stadt, sagen unsere Slubicer Kolleginnen und Kollegen. Das ist natürlich wirtschaftlich hart für viele Leute, und auch für die Stimmung in der Stadt sehr schwierig.

Ab heute gilt in Polen allgemeine Maskenpflicht für alle, die älter als vier Jahre sind. Wurde auch darüber informiert, wo die Leute die Masken hernehmen sollen?

Nach meinen Informationen hat die das Landratsamt Slubice organisiert. Die haben diese Masken in China eingekauft. Im Landkreis Slubice wurden die verteilt. Diese Verteilung hat heute morgen begonnen. Ich weiß nicht ob alle eine Maske bekommen haben. Aber auf jeden Fall gab es eine sehr hohe Stückzahl.

Hoffentlich wird irgendwann die Grenze wieder geöffnet.

Ja.

Wie lang wird es danach dauern, bis sich die Doppelstadt von dieser Trennung erholt hat?

Das ist eine schwere Frage. Das vermag ich nicht einzuschätzen. Es kommt auf die unterschiedlichen Bereiche an. Ich denke die beiden Stadtoberhäupter sind dadurch, dass sie regelmäßig im Gespräch sind, ist der Kontakt so, dass sie miteinander agieren können. Was andere Bereiche angeht, wie die Umsetzung des Handlungsplans, die eigentlich auf Eis liegt, weil Ressourcen auf beiden Seiten weniger geworden sind, und man da vieles nicht fernmündlich machen kann, den vorzubereiten wird ein paar Wochen, wenn nicht Monate dauern. Auch die ganzen Feiern, die wir abgesagt haben. Das Stadtfest ist ausgefallen. Der Europatag, da überlegen wir, ob man es vielleicht im Herbst machen kann. Aber das müssen wir überlegen, wenn sich alles normalisiert hat. Sehr schwer zu sagen, wie lang das dauert.

Befürchten Sie, nachdem das jetzt einmal passiert ist, dass es in Zukunft wieder Grenzschließungen geben könnte? Wenn es zum Beispiel eine Wirtschaftskrise gibt, oder eine neue Einwanderungswelle?

Auch eine schwere Frage. Die Befürchtung, dass es wieder Gründe geben könnte, die haben wir natürlich. Ich denke unsere Aufgabe ist es, diese Krise auszuwerten und zu schauen: Was können wir als Doppelstadt machen, in der Kommunikation mit Warschau, mit Potsdam, um diese besondere Situation, diesen Wert der Doppelstadt deutlicher zu machen, und vielleicht in Zukunft, vor allem auf der polnischen Seite, eine stärkere Lobby zu haben. Das ist unsere Aufgabe, wenn wir hier wieder Normalität haben. Ob es gelingt, ist die Frage. Irgendwie sträube ich mich auch ein bisschen dagegen, mir jetzt schon vorzustellen was noch alles passieren könnte. Klar, wir müssen darauf vorbereitet sein und Schlussfolgerungen ziehen. Aber es ist eine so schwierige und belastende Lage, dass ich sehr hoffe, dass es in den nächsten Jahren eine Ausnahme bleibt.

Was sind da sonst noch für Unterschiede zwischen Frankfurt und Slubice, oder Gemeinsamkeiten, in dieser gegenwärtigen Lage?

Auf der Slubicer Seite, auf der polnischen Seite insgesamt sind diese Ausgehbeschränkungen noch erheblich massiver als bei uns.

Man darf nicht in den Park. Man darf nicht in den Wald.

Man darf nicht angeln. Man darf nicht joggen, auch alleine nicht. Das ist schon eine sehr starke Einschränkung der Lebensqualität. Weshalb auf der polnischen Seite die Diskussion ziemlich stark ist, ob das wirklich notwendig ist. Die Haltung und die Informationspolitik der Regierung unterscheidet sich stark von dem, was wir auf der deutschen Seite haben. Auf der polnischen Seite vermisse ich in den letzten Wochen Kommunikations- und Kooperationsbereitschaft mit der Brandenburger Seite. Was auch noch ein großer Unterschied ist: Auf der polnischen Seite ist die Angst vor dem Virus noch ein bisschen stärker als auf Frankfurter Seite. Und ich finde auch aus nachvollziehbaren Gründen, weil es Zweifel gibt, ob das polnische Gesundheitssystem so leistungsfähig ist wie unseres. Das muss man auch in Betracht ziehen.

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