Corona-Dyslexikon, Band I

Die Corona-Krise verändert die deutsche Sprache, und nicht gerade vorteilhaft, kommentiert Georg Langer.

Corona-Dyslexikon, Band I

Seit Regierungen diesen März den Ausnahmezustand verhängten, schleichen sich neue Begriffe in unseren Wortschatz ein. Oft handelt es sich um englische oder denglische Vokabeln, von Deutschen falsch verwendet oder frei erfunden. Das beste Beispiel lautet „Home Office“. So nennen die Briten ihr Innenministerium. Deutsche dagegen glauben standhaft, Home Office bedeute zu Hause arbeiten. Das gibt ihnen das schöne Gefühl, ein eigenes Büro zu besitzen, wenn sie sich im Bademantel über ihren privaten Rechner beugen.

Dann wären da noch die „Superspreader“, übersetzt „Super-Verbreiter“ oder „Überspreizer“. Dieses Wortgetüm, im englischen Sprachraum nahezu unbekannt, verwenden unsere Politiker für Sündenböcke. Schließlich können sie nicht einem Virus die Schuld für die gefürchtete Erkältungskrankheit geben. Ein Virus kennt kein Gewissen. Es lässt sich auch nicht bestrafen. Zwar stammt es aus der Volksrepublik China, aber die eignet sich wegen unserer wirtschaftlichen Abhängigkeit von ihr nicht als Sündenbock. Also beschuldigt unsere Obrigkeit lieber Teile des eigenen Volkes, den Erreger vorsätzlich oder fahrlässig so weit wie möglich zu verbreiten. Am besten geht das bei Kindern und Jugendlichen, denn die dürfen nicht zur Wahl.

„Lockdown“ existiert in der englischen Sprache wirklich. So nennen Gefängniswärter Ausgangssperren, bei denen Häftlinge ihre Zellen nicht verlassen können. Damit verhindert man Aufstände. Ob das auf Dauer auch bei Unschuldigen funktioniert, wird sich zeigen. Unsere Lockdowns verbieten allerdings nicht den Ausgang. Zur Arbeit dürfen beziehungsweise müssen die meisten Deutschen nach wie vor. Hier verhindern Lockdowns hauptsächlich Sport, Spaß, Kunst, Kultur, und Menschenrechte wie das Recht auf Bildung, Versammlungs- und Religionsfreiheit. Je nachdem, wie stark die aktuellen Infektionszahlen einen Regierungschef erregen, bleibt der Lockdown weich oder wird hart.

Die Verwendung von Knastsprache erlaubt einen Einblick in die Denkweise mancher gewählten Volksvertreter. Sie halten es für ihre Aufgabe, den Pöbel zu bestrafen beziehungsweise zu erziehen. Kürzlich versprach ein Lokalpolitiker im Land Brandenburg, die Zügel anzuziehen, und eine härtere Gangart. Offensichtlich versteht dieser Herr genauso wenig vom Reiten wie von zahlreichen anderen Themen. Die sicher nicht zufällige Entscheidung für diese Worte und Tonart veranschaulicht aber seine Absicht, sein Volk zu besteigen. Wer irgendwann wieder gewählt werden will, sollte sich diesen Ton schnellstens abgewöhnen.

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