Corona-Dyslexikon, Band II

Durch die Pandemie sind bisher wenig bekannte Begriffe in aller Munde, beziehungsweise unter aller Mundschutz, kommentiert Georg Langer.

Corona-Dyslexikon, Band II

Gerade diskutieren unsere Bundes- und Landesfürsten erneut über den Mund-Nasen-Schutz, auch bekannt als Schleier, Maulkorb oder Kinnwindel. Fast ein Jahr lang lautete das Schlagwort „Alltagsmaske“. Diese Wortschöpfung schließt alles ein, was die untere Gesichtshälfte verhüllt. Schal, Bandana, Burka, Rollkragen, Operationsmaske oder selbst genähter Ersatz mit Firmenlogo verhindern, dass wir uns gegenseitig in die Visage husten. So zu tun, als wäre diese Art der Vermummung alltäglich, stellt die größte Leistung des erfundenen Worts dar.

Doch plötzlich taugt die Alltagsmaske nichts mehr. Diese Woche verordnen die über uns Gestellten höchstwahrscheinlich die FFP2-Maske. FFP steht für „filtering face piece“, also „filterndes Gesichtsstück“, falls jemand fragt. Diese Kaffeefilter mit Ohrenschlaufen kosten zwei und zehn Euro pro Stück, und müssen nach spätestens 75 Minuten wieder runter. Gratis bekommen wir sie wohl kaum. Übrigens wirken sie nicht bei unrasierten Männern. Für Risikopatienten mit Lungen- oder Herzproblemen eignen sie sich nicht, da sie das Atmen erschweren. Deshalb bevorzugen viele Ärzte und Wissenschaftler die bewährten Operationsmasken. Bankkaufmann Jens Spahn und Jurist Markus Söder wissen es natürlich besser.

Eine Corona-Vokabel darf nicht unerwähnt bleiben: „systemrelevant“. Sie bezeichnet die kritische Infrastruktur, also das, worauf unsere Zivilisation keinesfalls verzichten kann. Neben Gesundheitswesen, Feuerwehr und Lebensmitteln wären das Bildung, Kultur, Demokratie und Menschenrechte, diktiert die Logik. Doch in Deutschland läuft es anders. Schulen müssen schließen, mit der bemerkenswerten Ausnahme von Fahrschulen. Kunst- und Kulturschaffende haben Berufsverbot. Regierungen herrschen per Dekret. Dafür arbeiten Auto- und Rüstungsindustrie unbeirrt weiter, und verzeichnen sogar Exportrekorde. Auch Fußball ist systemrelevant, aber ausschließlich für Millionäre, denn nur die Bundesliga darf spielen.

Das bringt uns zur „neuen Normalität“. Niemand weiß, wer das zuerst sagte, aber zahlreiche Entscheidungsträger plappern es nach. Nichts ist bedenklicher, als wenn Regierungen einen Ausnahmezustand normal finden. Darauf angesprochen, fühlen sich die meisten Politikerinnen und Politiker missverstanden. Das verursacht noch mehr Tohuwabohu. Letztere hebräische Redewendung stammt aus der Bibel: „W'ha'arez hajtah tohu wabohu“ = „Und die Erde war wüst und leer“.

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