Grenzen auf! Otwarcia granic!

Frankfurter und Slubicer demonstrierten gestern an und auf der Stadtbrücke.

Grenzen auf! Otwarcia granic!

Seit Wochen unterdrücken Deutschlands und Polens Regierungen das Menschenrecht auf Versammlungsfreiheit. Kürzlich lockerte das Land Brandenburg dieses Verbot. Demonstrationen von bis zu 20 Teilnehmern sind in Ausnahmefällen unter strengen Auflagen wieder erlaubt. Die Vereine Slubfurt und Unsere Miasto - Nasze Stadt nutzten das, und meldeten einen Protestmarsch auf der Stadtbrücke an. Er wurde genehmigt. Dazu mussten die Organisatoren eine Namensliste aller 20 Demonstranten an die Polizei übergeben, und untereinander 1,50 Meter Abstand halten. Wer nicht auf der Liste stand, blieb auf der anderen Straßenseite. Gesichtsmasken wurden trotz des deutschen Vermummungsverbots toleriert.

Weitere 20 Demonstranten sammelten sich am linken Oderufer vor der Konzerthalle. Auf der polnischen Seite fanden sich über 100 Menschen ein, da die Kundgebung dort ohnehin nicht genehmigt war. Die Polizei filmte die Teilnehmer, griff aber nicht ein. Über die Forderungen der verschiedenen Aktionen herrschte Einigkeit: Grenzkontrollen und Quarantänepflicht für Grenzgänger sofort aufheben, und gemeinsames europäisches Handeln beim Umgang mit der Corona-Krise.

Angeführt vom polnischen Wissenschaftler Dr. Krzysztof Wojciechowski und dem deutschen Künstler Michael Kurzwelly zog die Demonstration von der Frankfurter Seite bis zur Mitte der Oder. Dorthin hatten die Behörden kurzerhand den Grenzübergang verlegt. Die Demonstranten aus Slubice durften die Brücke nicht betreten. In einer Rede kritisierte Dr. Wojciechowski die Schließung der Grenze als unverhältnismäßig. „Wir halten es für sehr fragwürdig, ob die Grenzschließung das Coronavirus eindämmt“, sagte der Direktor des Collegium Polonicum. Der Drang, sich in Krisensituationen abzuschotten, sei ein altes Denken aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Statistiken belegen, dass die Ansteckungsgefahr in dünn besiedelten Flächenländern wie Brandenburg und Lubuskie gering ist.

Auch die Landtagsabgeordnete Sahra Damus (Bündnis 90/Grüne) und der Stadtverordnete Jan Augustyniak (Die Linke) demonstrierten mit. „Es ist wieder eine Grenze gewachsen, wo keine mehr sein sollte“, beklagt Damus. „Das tägliche Passieren der Oder, um zur Arbeit, in die Schule oder zur Uni zu kommen, einkaufen zu gehen und die Kultur- und Sportangebote wahrzunehmen, ist geübte europäische Freizügigkeit in unserem gemeinsamen Stadtraum. Seit 2007 war das Normalität für uns. Diese Normalität darf nicht dem Virus zum Opfer fallen.“

„Eine Grenzöffnung wäre eine solidarische Antwort auf Corona“, findet Jan Augustyniak. „Unsere Bürgerinnen und Bürger leben auf beiden Seiten der Brücke, haben hier Familie, Berufe und nutzen die medizinische Versorgung auf beiden Seiten der Oder. Die Schließung der Grenze bedeutet deshalb für viele Bewohnerinnen und Bewohner der deutsch-polnischen Doppelstadt Trennung, Stress und Probleme. In dieser Krise stellt sich für uns alle die Frage, schotten wir uns ab oder helfen wir einander? Das Virus orientiert sich nicht an nationalen Grenzen. Das tun Menschen. Doch wir Menschen müssen versuchen die Probleme gemeinsam, also europäisch, zu lösen.“

Als Zeichen des Miteinanders sangen die Protestierenden auf der Brücke die europäische Hymne „Ode an die Freude“ auf polnisch und deutsch. Kurz darauf erklang das Lied auch vom Slubicer Ufer. Die Bewohnerinnen und Bewohner der geteilten Doppelstadt winkten einander zu. Niemand weiß, wann sie sich wiedersehen dürfen.

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